Christian Heilmann  – «Wenn ich etwas anpacke, bleibe ich dran»  




Text & Bilder: Fabian Welsch und Kathrin Wettstein

Das Jahr 1868 wird als Gründungsjahr der Bürstenfabrik Walther AG gefeiert. Die Firma war primär im Zwischenhandel tätig. Beliefert wurden Detaillisten wie z.B. Drogerien oder Warenhäuser. Einen Direktverkauf an Endverbraucher gab es nur für Industriekunden oder an Messen. Die höchste Mitarbeiteranzahl verzeichnete die Firma 1961 mit über 300 Mitarbeiterinnen. Walther war lange Zeit marktbeherrschend. Der zunehmende Konkurrenzdruck und die tiefen Verkaufspreise sowie die enorme Sortimentsbreite von Walther führten im Dezember 1987 schliesslich zum Verkauf der Firma.

Er ist fasziniert von der Geschichte der einst grössten Bürstenfabrik der Schweiz, der Bürstenfabrik Walther AG in Oberentfelden. Christian Heilmann kümmert sich mit viel Verve und Hingabe um das industrielle Kulturerbe. Wie er nach seiner Pensionierung seine Berufung fand.



Der Museumsleiter Christian Heilmann präsentiert die Bürstenherstellung an einem Arbeitsplatz um das Jahr 1900.

Es ist sonnig an diesem Sonntagnachmittag. Die meisten Leute sind draussen und geniessen den Frühlingstag. Christian Heilmann hingegen sitzt an einem runden Holztisch in einem unbeheizten Dachstock der ehemaligen Bürstenfabrik Walther in Oberentfelden. Nur wenige Sonnenstrahlen scheinen durch die kleinen Dachfenster. Heilmann trägt einen dicken Wollpullover. Neben ihm surrt ein Staubsauger. Mit einer eigens konstruierten Vorrichtung staubt er behutsam alte Bürstenhölzer ab. Sichtlich erfreut über den Besuch bittet er mit einer freundlichen Geste, am Tisch Platz zu nehmen. «Bürsten spielten in meinem Leben tatsächlich lange keine wichtige Rolle», verrät er und streicht sich mit einem Schmunzeln eine lange Haarsträhne aus seinem Gesicht. Das hat sich geändert. Denn heute dreht sich für ihn alles um das runde Holz, die stoppligen Borsten und deren Geschichte.


Rettung vor dem Abriss

Ursprünglich wollte Heilmann Geschichte studieren. Die Zulassung zum Studium blieb ihm allerdings verwehrt. Seine Faszination für Geschichte konnte er als Leiter Magazin und Ausleihe bei der Zentralbibliothek in Zürich trotzdem ausleben. Als er 2012 in den Ruhestand trat, kaufte er gemeinsam mit seiner Frau ein Haus in Oberentfelden. Zu dieser Zeit verwaltete er bereits mit grossem Interesse das Gemeindearchiv. «Die Geschichte von Oberentfelden fasziniert mich. Die Gemeinde war insbesondere in den 60er Jahren ein Industrienest.» Nebst der Bürstenfabrik gab es eine Schuhfabrik und zwei grosse Kartonfabriken in der Region.


«Die einst grösste Bürstenfabrik der Schweiz abzureissen, kam für mich nicht in Frage.»



Heilmann, der die Geschehnisse im Dorf stets aufmerksam verfolgte, erhielt eines Tages eine überaus unerfreuliche Nachricht. Die Gemeinde sah vor, die Gebäude der ehemaligen Bürstenfabrik Walther abzureissen. «Die einst grösste Bürstenfabrik der Schweiz, ein industrielles Kulturerbe, dem Erdboden gleich zu machen, das kam für mich nicht in Frage.» Die Stimmbevölkerung sah dies anders. Künstlerinnen und Handwerker, die die Räumlichkeiten der alten «Bürsti» zur Zwischenmiete nutzen konnten, ergriffen kurzerhand das Referendum. Heilmann schloss sich ihnen bei der Unterschriftensammlung an. «Mit Erfolg, wie man sieht.»


Eine Firma schreibt Geschichte

Heute sitzt er also hier, in den einstigen Räumlichkeiten der Bürstenfabrik Walther, dem heutigen Industriemuseum von Oberentfelden. Heilmann eröffnete das Museum im Mai 2013. «Damals sah es auf dem Dachstock noch sehr chaotisch aus», erinnert er sich. Auf der Suche nach freiwilligen Helferinnen und Helfern meldeten sich Jürg Oberle und Ruth Huwiler-Leu, die bis heute mit Christian Heilmann das Museum leiten. «Wir sind mit sehr wenig gestartet, weil das Archiv der Bürstenfabrik 1989 abbrannte und zahlreiche Gegenstände der Firma im Jahr zuvor versteigert wurden.» Nach und nach konnten sie trotzdem wichtige Informationen, persönliche Unterlagen sowie Artefakte der ehemaligen Firma sammeln.




Der Bürstenkörper wurde grundsätzlich aus Laubhölzern hergestellt. Für den Bürstenbesatz eigneten sich – je nach Verwendungszweck der Bürste – Schweineborsten, Pferdehaar, Ziegenhaar oder Dachshaar.



Bis kurz vor 1900 wurde der Einzug der Borsten von Hand ausgeführt. Die tägliche Leistung betrug bis zu 5‘000 Löcher.



Ab dem Jahr 1910 erfolgte der Einzug der Borsten maschinell. Dank der Stanzmaschine konnte die Tagesleistung auf 25‘000 Löcher erhöht werden.

Die geschichtliche Entwicklung hat Christian Heilmann, dessen Schwiegervater zehn Jahre lang bei der Bürstenfabrik Walther arbeitete, in seinem Buch «Eine Firma kämpft gegen den Schmutz» festgehalten. Zu Lebzeiten habe der Schwiegervater leider nie mit ihm über die Firma gesprochen. Von seiner Schwiegermutter erhielt er jedoch zahlreiche Materialien. Ausserdem erzählten ihm ehemalige Mitarbeitende aus ihrer Zeit bei Walther. «Einige von ihnen begannen nach ihrer Schulzeit bei Walther zu arbeiten und blieben hier, bis sie pensioniert wurden.» Die Treue der Mitarbeitenden und ihre Verbundenheit mit dem Familienunternehmen beeindrucken Heilmann.

Nun erzählt er ihre Geschichten aus dem früheren Arbeitsalltag weiter. Als die Firma etwa die ersten Zahnbürsten aus Kunststoff herstellen wollte, bestellte sie eine eigens dafür angefertigte Maschine aus Deutschland. «Sie wurde ohne jede Erklärung geliefert. Als dann die erste Kunststoffzahnbürste aus der Maschine kam, waren die Ingenieure sehr stolz. Später konnten sie per Knopfdruck 100 Kunststoffzahnbürsten herstellen. Heute stellt Trisa, die Besitzerin des Firmennamens von Walther, pro Tag eine Million Zahnbürsten her. Das ist eine äusserst beachtliche Entwicklung.»


Ungewisse Zukunft des Industriemuseums

Nebst den Kunststoffzahnbürsten sind im Museum rund 300 verschiedene Bürsten ausgestellt. Insgesamt besitzt Christian Heilmann heute ungefähr 3'300 Artefakte der Firma Walther, welche er akribisch und systematisch auf seiner Website dokumentiert hat. Ob Badebürsten, Malerbürsten, Handwaschbürsten, Nagelbürsten, Toilettenbürsten oder Schuhbürsten: Heilmann hat bei jeder Bürste eine besondere Geschichte auf Lager. Das war nicht immer so. «Als ich das Museum eröffnete, fragte mich ein Journalist nach der Verwendung einer bestimmten Bürste. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wozu diese diente. Das war mir einerseits peinlich, andererseits war es eine grosse Motivation, die Geschichte jedes einzelnen Gegenstands zu entdecken.»



Christian Heilmann hat bei jeder Bürste eine spannende Geschichte zu erzählen, auch bei den Kunststoffzahnbürsten der Firma Walther.

Heilmanns grösster Wunsch für die Zukunft ist, dass er sein vertieftes Wissen weitergeben kann. «Ich suche eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für das Industriemuseum. Denn die Zukunft ist im Moment leider ungewiss.» Heilmann, der das Museum selbst finanziert, ist derzeit damit beschäftigt, seinen Bürstennachlass zu regeln. «Ich habe alles beschriftet und meiner Frau versucht klarzumachen, was sie mit den Dingen zu tun hat, wenn ich mal vom Stuhl kippe.» Bis dann wird er weitermachen: «Wenn ich etwas anpacke, dann bleibe ich dran!»


Fabian Welsch, geboren 1997 in Leverkusen (Deutschland), studiert Kommunikation – mit Schwerpunkt Journalismus – an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Der angehende Journalist lebt in Baden AG und schätzt als freizeitlicher Musiker insbesondere das Kulturleben der Stadt an der Limmat.

Kathrin Wettstein, geboren 1992, studiert Kommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Sie wohnt in der Nähe der ehemaligen Bürstenfabrik Walther AG. Mit ihrem Rennrad fuhr sie bereits öfter am Fabrikgebäude in Oberentfelden vorbei und wunderte sich stets, was sich an diesem Ort vor geraumer Zeit wohl alles zugetragen hatte.


Das Portrait entstand 2022 im Rahmen einer Kooperation von Industriekultur Spot mit dem IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.