Christoph Keller – «Die Hard verkörpert 200 Jahre Industrialisierung der Schweiz»



Text & Bilder von Fabio Bleise und Luca Feurer    



Die Spinnerei Hard in Winterthur-Wülflingen wurde zwischen 1801 und 1802 errichtet und gilt als eine der ersten mechanischen Spinnereien auf dem europäischen Kontinent. Nach mehrmaligem Besitzerwechsel und finanziellen Problemen wurde die Textilproduktion im Jahre 1924 endgültig eingestellt. In den 1930er-Jahren wurde die Fabrik von Hans Stüdli übernommen und zu einem Kunststoff-Spritz- und Presswerk umgebaut. Das international tätige Unternehmen war bis zu seinem Konkurs 1985 in der Hard ansässig, ehe das Fabrikareal zu einer privaten Wohngemeinschaft umfunktioniert wurde, die bis heute als «Gemeinschaft Hard» besteht.

Wo früher das Wasser der Töss die Spinnmaschinen zum Rattern brachte, stehen heute Cargo-Velos und Bürotische. Christoph Keller gehört seit den 1980er-Jahren zum Urgestein der «Gemeinschaft Hard». Er möchte die über 200-jährige Geschichte der Hard erhalten und nach aussen tragen.



Christoph Keller beim Erklären an einer Infotafel im stillgelegten Unterwasserstollen der ehemaligen Spinnerei.

«In der linken Szene hatten wir einen Namen.» Als frischgebackener Bauingenieur hatte es Christoph Keller in der Ölkrise von 1973/74 nicht leicht, denn er musste sich die Arbeit selbst beschaffen. Keller fand sie in einer Wohnbaugenossenschaft. Im Zuge der 68er-Bewegung entstanden alternative Wohnbaugenossenschaften, so auch in Winterthur. Keller war Mitbegründer der Genossenschaft «für selbstverwaltetes Wohnen» und etablierte sich in der Szene. Er fühlte sich in diesem Umfeld gleich doppelt zu Hause: Seine Leidenschaft für das Bauen konnte er mit dem sozialen Zweck kombinieren, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Vom Fabrikgebäude zur Wohngemeinschaft

Die Genossenschaftsbewegung führte Keller schliesslich an den Ort, wo er die längste Zeit seines Lebens arbeitete und wohnte: die Spinnerei Hard. Es war die erste mechanische Spinnerei der Schweiz, so ist es dem Historischen Lexikon der Schweiz zu entnehmen. Eröffnet wurde sie bereits 1802, womit «die Industrialisierung der Schweiz eigentlich hier begann», so Keller. Die Firma, die in der Hard produzierte, ging in den 1980er-Jahren Konkurs. Für Keller und seine Wohnbau-Genoss:innen war es ein Glücksfall. Gemeinsam konnten sie das Gelände zu einem moderaten Preis erwerben. Aus dieser Konkursmasse entstand die «Gemeinschaft Hard», die das Gelände noch heute besitzt und sich selbst verwaltet.

Die «Gemeinschaft Hard» ist ein als Aktiengesellschaft organisiertes Kollektiv, das aus den Eigentümer:innen der Wohnungen in der Hard besteht. Keller war einer der ersten Aktionäre der Gemeinschaft. Seine Faszination für die industrielle Geschichte der Hard entbrannte, sobald die Hard zu seinem Lebensmittelpunkt wurde.



Wo früher Rohmaterial deponiert wurde, lädt heute das hauseigene Café der Gemeinschaft zum Verweilen ein.



Im selbstgestalteten Leporello beschreibt Keller, wie das Wasser der Töss jahrzehntelang die Spinnmaschinen antrieb.

Christoph Keller sieht in der Organisation der Hard das Potenzial, deren Geschichte für die nächsten Generationen zu erhalten. Weil die Hard kein lebloses Museum ist, sondern ein Ort zum Wohnen und Arbeiten, lebt ihre Geschichte weiter: «Wenn du an einem Ort Wurzeln schlägst, interessiert dich, was hier vorher geschah und was die Perspektive dieses Ortes ist.» Als langjähriger Bewohner kennt Keller diese Geschichte wie kein anderer. Er hat zu jedem Schornstein, jedem Baum und jeder Scheune des Geländes eine Anekdote zu erzählen. Dieses Wissen gibt Keller seit Jahrzehnten auf Rundgängen durch das Hard-Gelände an Interessierte weiter.

Die Geschichte zugänglich machen

Die 200-jährige Geschichte der Spinnerei vermittelt Keller neben den Führungen auch auf selbst gestalteten Broschüren und Infotafeln. Der Winterthurer Industrieveloweg endet nicht zuletzt dank Christoph Keller und seinen Beziehungen zur Stadtverwaltung in der Hard. Denn aus Denkmalschutzgründen war Keller oft in Kontakt mit dem damaligen Stadtpräsidenten Urs Widmer, auf dessen Initiative der Veloweg entstand.

Keller sieht sich nicht in erster Linie als Vermittler von Industriekultur, obwohl er jahrzehntelang die Geschichte der Hard aufarbeitete und bekannt machte. Vielmehr versteht er sich als engagiertes Mitglied einer Gemeinschaft, die das Industrieerbe am Leben erhält. Zwar führt Keller nicht mehr so viele Führungen durch wie früher, dennoch nimmt er sich nach wie vor gerne Zeit, Interessierten die Hard in all ihren Facetten zu zeigen.

«Die Hard verkörpert 200 Jahre Industrialisierung der Schweiz.»


«Gerade in jungen Leuten möchte ich eine Faszination für diesen Ort auslösen», erklärt er. Vielen, auch solchen aus der Region, sei gar nicht bewusst, dass die Hard eine Pionierrolle in der Schweizer Industrialisierung einnahm. «Die Hard verkörpert 200 Jahre Industrialisierung der Schweiz». Christoph Keller ist stolz darauf, nicht nur die Geschichte der Hard aufgearbeitet, sondern diese auch selbst mitgestaltet zu haben. Als Bauingenieur war er massgeblich am Erhalt der Bausubstanz der Gebäude beteiligt, als diese vom Produktions- zum Wohn- und Arbeitsort umgestaltet wurden. Um die Industriehallen bewohnbar zu machen, hat er eigenhändig Pläne gezeichnet und Baugesuche eingereicht.

Wirkung in der ganzen Region

Die «Gemeinschaft Hard» ist in erster Linie eine Siedlung, deren Mitglieder selbst in der Hard wohnen oder arbeiten. Die Industriegeschichte der ehemaligen Spinnerei bleibt jedoch nicht nur den Mitgliedern der «Gemeinschaft Hard» vorbehalten. Das Gelände ist öffentlich zugänglich und die Hard lädt regelmässig zu kulturellen Anlässen ein. Es werden Theateraufführungen, Konzerte und Kunstaustellungen dort durchgeführt, wo früher noch Spinnmaschinen ratterten. Öffentliche Veranstaltungen in der Hard sind gerade deshalb wichtig für das Fortbestehen der Industriekultur, weil sie auch Besucher:innen aus der Umgebung anziehen.

«Gerade bei jungen Leuten möchte ich eine Faszination für diesen Ort auslösen.»




In jeder Ecke des Hard-Areals kommen Christoph Keller neue Geschichten in den Sinn.

Gerade für Menschen aus Wülflingen entsteht somit in der Hard ein lebendiger Teil ihrer Nachbarschaft, der identitätsstiftend wirkt. Die öffentliche Zugänglichkeit macht die Vergangenheit der Hard erlebbar. Manche Teilnehmer:innen von Kellers Führungen oder manche Besucher:innen einer Theateraufführung kann es mit Stolz erfüllen, sich am Geburtsort der Schweizer Industrialisierung wiederzufinden. Was vor über 200 Jahren als erste mechanische Spinnerei der Schweiz seinen Anfang nahm, ist heute Zentrum einer Gemeinschaft, die das Industriekulturerbe der Hard auch in die Zukunft trägt.



Diego Lingg, *1998, studiert Kommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Er besuchte die Wirtschaftsmittelschule Luzern und komplettierte seinen KV-Abschluss mit einem Praktikum im Aussendepartement. In der Nähe des Verkehrshauses aufgewachsen, freute er sich schon als Kind über den Geruch vom alten Stahl der Lokomotiven.

Glenn Thali, *1998, studiert an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur Kommunikation und Journalismus. Vor seinem Studium arbeitete er mehrere Jahre als kaufmännischer Angestellter. Als langjähriger Anhänger von Borussia Dortmund kam er schon früh mit der Kohleindustrie im Ruhrgebiet in Kontakt, für die er heute noch eine grosse Faszination verspürt.

Das Portrait entstand 2023 im Rahmen einer Kooperation von Industriekultur Spot mit dem IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.