Fabian Furter  – «Kulturvermittlung muss in den Menschen etwas auslösen»



Text & Bilder von Vera Gysi und Marco Lingg 



Besonders im 20. Jahrhundert galt Baden als blühender Standort für die Elektroindustrie. Die zentrale Lage mit guter Anbindung an wichtige Verkehrsrouten und Märkte, die Infrastruktur sowie ein gut ausgebautes Energienetz schufen ideale Bedingungen für die wachsende Industrie. Private Investitionen und staatliche Förderungen trugen zur weiteren Entwicklung und Stärkung des Standorts bei. «Blitzschnell» wurde Baden zum Zentrum für Elektro-Innovation und -Produktion, was wiederum Arbeitsplätze und wirtschaftliches Wachstum in der Schweiz und ausserhalb förderte.

Der Kurator Fabian Furter fand seine Leidenschaft in der Kulturvermittlung. Er realisierte diverse Projekte, darunter die Ausstellung «Unter Strom», eine Ode an die Elektroindustrie in Baden. Furter über seinen Werdegang, Industriekultur und die Vielseitigkeit seines Berufes.



«Unter Strom» wurde in einem umfassenden Buch festgehalten: Wenn Furter über seine Lieblingsobjekte der Ausstellung spricht, blüht er auf. Foto: Vera Gysi und Marco Lingg 

Schon beim Zuhören spürt man Fabian Furters Begeisterung für das Geschichtenerzählen. Sachlich und ruhig, hin und wieder gespickt mit witzigen Anekdoten, erläutert er bei unserem Treffen in Baden seinen Werdegang. Gibt uns einen Einblick in sein kulturelles Schaffen. Kommt ins Philosophieren, wenn es um Vermittlung von Kultur geht. Vermischt Wissenswertes mit Erfahrungen aus seinem Berufsleben. Schmückt aus, ohne zu übertreiben. Geht ins Detail, verliert sich aber nie. Man merkt: Geschichtenerzählen ist Furters Passion und er ist glücklich, dass er dies zu seinem Beruf machen konnte.

Vom Reklamegestalter zum Kurator

Furter war froh, als seine obligatorische Schulzeit zu Ende war, und er eine Lehre als Schrift- und Reklamegestalter beginnen durfte. Obwohl ihm der Beruf an sich gefiel, merkte er schnell, dass ihn diese Arbeit nicht erfüllte. Er beschreibt sie als ein «Übersetzen von Entwürfen», in der man seine eigene Kreativität kaum ausleben könne. Mit einem Augenzwinkern fügt er an: «Und ausserdem waren die meisten Entwürfe ziemlich unansehnlich.»

Damalige Jugendfreunde von Furter gründeten einen Kulturverein, dem er später beitrat. Schon damals organisierte dieser Verein Veranstaltungen und eine Ausstellung im Dorf. Furter entschloss sich Geschichte zu studieren und Lehrer zu werden. Schon im Laufe des Studiums begann er zu unterrichten, doch obwohl ihm nur noch ein einziges Praktikum zum Lehrdiplom fehlte, hat er das Lehramt nie abgeschlossen. Er habe «nie gedacht, aber immer gehofft», dass es mit dem eigenen Kulturverein funktioniert und man davon leben kann. Und plötzlich war es soweit: Das Kollektiv imRaum entstand, das nun schon seit über 14 Jahren Ausstellungen und Publikationen in den Bereichen Gesellschaft, Kultur und Geschichte realisiert.

«Unter Strom»: Der Pioniergeist Badens lebt weiter

«Unter Strom» heisst eines von vielen Projekten, das imRaum verwirklichte. Auftraggeber war ein Verein aus ehemaligen ABB-Mitarbeitenden, der eine Ausstellung zur Geschichte und Zukunft der Elektrostadt Baden im Aargau umsetzen wollte. «Die Ausstellung soll das industrielle Erbe erhalten. Es soll aber nicht nur zurückgeschaut werden, vielmehr soll das Projekt den Pioniergeist von Baden weiterleben lassen», so Furter.



Die denkmalgeschützte Halle der Alten Schmiede wurde 1906 gebaut und wird heute oft für kulturelle Anlässe verwendet. Foto: imRaum und Verein IndustrieWelt Baden



Die Ausstellung «Unter Strom» dauerte drei Monate und lockte etwa 1’500 Personen an. Foto: imRaum und Verein IndustrieWelt Baden

Die Erlebnisausstellung in der historischen Alten Schmiede, einer ehemaligen Produktionshalle der ABB (früher BBC), bietet die Möglichkeit, die Geschichte der Elektroindustrie in Baden zu erkunden. Durch eine Vielzahl von Objekten, Bildern und Filmen wird der technologische Fortschritt und der gesellschaftliche Wandel lebendig und greifbar gemacht. Beispielsweise konnten Besuchende mithilfe von VR-Brillen in die Rollen von Fabrikmitarbeitenden des 20. Jahrhunderts schlüpfen, sich in historischen Fabrikgebäuden umsehen und defekte Maschinen reparieren. Auch Zeitzeugen waren vor Ort. So schilderte Markus Somm, Sohn des ehemaligen ABB-CEOs, in einem Vortrag, wie sich Baden vom ruhigen Kurort zur blühenden Fabrikstadt entwickelt hatte.

Von der Planung des Projekts bis zum Eröffnungstag am 21. August 2020 vergingen fast zwei Jahre. Furter gesteht ein, dass das ganze Vorhaben nicht immer nach Plan verlief, und lässt uns teilhaben an seinem Alltag als «Ausstellungsmacher», wie er sich selbst bezeichnet. Seine Anekdoten dazu bringen einen immer wieder zum Schmunzeln. So wurden 150-jährige, historische Baupläne von hohem Wert mit einfachem Malerklebeband an Wänden befestigt. Die Halle, in der die Ausstellung stattfand, war zu hell und zu warm im Sommer, zu nass und zu kalt im Herbst. «Improvisation gehört auch immer dazu», meint Furter und schildert, wie zwei Büsten aus einer Hotellobby in Baden kurzerhand zu Ausstellungsstücken wurden.

Storytelling ist zentral im Leben des Ausstellungsmachers

Furters Begeisterung ist immer wieder spürbar, wenn er über «Unter Strom» spricht, besonders wenn es um eines seiner Lieblingsobjekte der Ausstellung geht, das Stadtmodell von Birr. Für jemanden, der die Geschichte hinter dem riesigen Stadtmodell aus Holz nicht kennt, mag es nur ein klobiger Staubfänger sein. Für die Elektroindustrie sollte Birr jedoch von grosser Bedeutung werden: Damals musste die ABB aufgrund von übervollen Auftragsbüchern eine neue Produktionsstätte mit angrenzenden Wohnsiedlungen finden.

Furter vermag es, mit dieser Geschichte dem stummen Objekt Leben einzuhauchen. Erzählt, wie die Stadtplanenden damals dachten, aus dem 500-Seelen-Dorf Birr entstehe innert weniger Jahre eine Industriestadt mit 15'000 Einwohnern. Schmunzelt, wenn er uns erklärt, dass heute gerade mal 4'500 Menschen in Birr leben.



Das Stadtmodell von Birr: Ursprünglich sollte aus dem kleinen Dorf eine Industriestadt mit über 15’000 Einwohnern werden. Foto: imRaum und Verein IndustrieWelt Baden

Die Vermittlung von Kultur spielt für Furter eine zentrale Rolle und ist das, was ihn antreibt. «Heutzutage gibt es mehrere Möglichkeiten, wie man eine Geschichte erzählen kann», das schafft in Furters Augen völlig neue Möglichkeiten, wie man etwas präsentieren kann: In Form von Audioguides, Filmen oder Virtual Reality können die Besuchenden mit den Ausstellungsstücken interagieren.

«Eine Ausstellung ist ein blosser Prototyp – Improvisation gehört im Beruf als Kurator immer dazu.»




Der 47-jährige Familienvater in seinem Büro in Baden. Das Gebäude diente früher als Portierhaus und gehörte zum Merker-Areal. Foto: Vera Gysi und Marco Lingg

Furter ist froh, nicht den Anspruch zu haben, die ganze Welt mit einer Ausstellung erreichen zu müssen. Er mag es, etwas «lehrerhaft» zu erzählen oder eine Führung durch die Ausstellung zu geben. Denn er findet: «Das Publikum zu erreichen ist am wichtigsten, aber nicht aus Narzissmus. Die Arbeit macht nur dann Sinn, wenn man auch Menschen damit erreicht und in ihnen etwas auslösen kann.»


Vera Gysi, *1998, absolvierte die Fachmittelschule und studiert momentan Organisationskommunikation an der ZHAW. Ihre Mutter fabriziert Skulpturen aus Papiermaché, malt Bilder mit Acrylfarbe und stellte schon mehrere Male aus. Vera hat es stets imponiert, wie viel Herzblut und Mühe in eine Ausstellung gesteckt wird.

Marco Lingg, *1993, studiert Kommunikation an der ZHAW in Winterthur. Er hat mehrere Jahre in Baden direkt neben dem Büro von Fabian Furter als Koch gearbeitet. Er hat das Projekt gewählt, weil ihm Kultur eine Herzensangelegenheit ist und er sich für die Geschichte der (für ihn) schönsten Stadt der Schweiz brennend interessiert.

Das Portrait entstand 2023 im Rahmen einer Kooperation von Industriekultur Spot mit dem IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.