Fabio Rudolf – «Immersion ist mir bei Kulturvermittlung das wichtigste Anliegen»



Text & Bilder von Jil Rietmann, Sophia Mratinkovic und Dominique Peter    



Nicht etwa zufällig spielen sich die Geschichten der Vermittlungsapp von Fabio Rudolf rund um den Aabach ab. Der rund 15 km lange Bach trug im 18. Jahrhundert wesentlich zur Industrialisierung im Kanton Aargau bei und brachte wirtschaftlichen Aufschwung mit sich. Dank der Nutzung seiner Wasserkraft als Energiequelle konnten sich in den letzten 250 Jahren insgesamt 27 Werke um den Aabach ansiedeln. Darunter befanden sich beispielsweise die Baumwollweberei Müller in Seon, die Hetex in Niederlenz und die Hero in Lenzburg.

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Die Vergangenheit in die Gegenwart holen: Eine gewaltige Herausforderung, der sich Fabio Rudolf gerne stellt. Seine App «IndustriekulTOUR Aabach» erweckt mithilfe von Augmented Reality die Industriekultur in Lenzburg zum Leben. Wie hat er das geschafft?  



App-Entwickler Fabio Rudolf spaziert auch gerne selbst den Touren entlang. Sein Lieblingsrundgang: die Gastarbeiter-Tour. Foto: Jil Rietmann

Geschichte erlebbar machen, das ist Fabio Rudolfs grosses Ziel. Deshalb hat der Lehrer und Kulturvermittler «IndustriekulTOUR Aabach» entwickelt. Mit der kostenlosen App können Interessierte die originalen Schauplätze der Lenzburger Industriegeschichte entlang des Aabachs in drei interaktiven Rundgängen entdecken. Die App vermittelt dabei nicht nur spannende Hintergrundinformationen, sondern holt dank Augmented Reality die Vergangenheit in die Gegenwart: Durch die Kameralinse werden verschwundene Bauten wieder sichtbar und historische Persönlichkeiten erzählen aus ihrem Leben. Spiele und Rätsel regen zum Mitmachen an und lassen die Touren zu einem immersiven Erlebnis werden: eintauchen in die Geschichte.

«Ein Erlebnis vor Ort verstärkt den Tiefgang.»


Die Idee zur App hatte Rudolf vor Ort. 2008 machte er mit seinem Sohn einen Spaziergang und stiess auf Infotafeln des Vereins Industriekultur Aabach. Als Vermittler im ortsansässigen Museum Aargau tätig, sah er sofort das Potenzial und wusste, dass er mit einer App mehr aus den Infotafeln herausholen konnte. «Ich habe mir sozusagen selbst einen Auftrag gegeben», lacht Rudolf, als wir uns an einem sonnigen Aprilmorgen in Lenzburg treffen. Er ist eigens aus seinem aktuellen Wohnort im Engadin angereist, um uns einen Rundgang zu zeigen.



Die Info-Tafeln vom Verein Industriekultur Aabach inspirierten Fabio Rudolf, interaktive Touren daraus zu machen. Foto: Jil Rietmann

Zehn Jahre von der Idee zur App

Aus Rudolfs Ursprungsidee wurde ein zehnjähriges Projekt. Acht Jahre dauerte es, bis die App durch den Swisslos-Fonds finanziert werden konnte. Um die Kooperationspartner Museum Aargau, Museum Burghalde und den Verein Industriekultur zusammenzubringen, musste Rudolf Überzeugungsarbeit leisten: «Anfangs gab es ein paar Territorialkonflikte. Aber dann ist allen klar geworden, dass wir das gleiche Ziel haben: Wir wollen Geschichte vermitteln.» Nach zwei weiteren Jahren Entwicklungszeit konnte die App 2018 dann endlich veröffentlicht werden. Die technischen Möglichkeiten hatten sich in dieser Zeit drastisch verändert. Das nötige Wissen musste sich Rudolf, der beim Programmieren vom walisischen Unternehmen Locly unterstützt wurde, laufend selbst aneignen. Doch genau solche Herausforderungen schätzt das Multitalent, das sich gerne mit Leib und Seele in neue Projekte stürzt. Die Begeisterung am Verweben von Physischem mit Digitalem hat Rudolf mittlerweile so gepackt, dass er mit «Webschiff» eine eigene Firma gegründet hat. Diese unterstützt Organisationen beim Gestalten von immersiven Welten: «Als Erschaffer möchte ich die Betrachtenden in meine Bild- und Erzählwelten hineinziehen.»  

Die Anwohnenden halfen mit

Rudolf verdankt dem Projekt einige schlaflose Nächte: «Ich stand extrem unter Druck. Im Projekt steckten 150'000 Franken und ich war verantwortlich, dass die App in den Store kommt.» Doch die positiven Erinnerungen überwiegen. Besonders gerne erinnert er sich an den Kontakt mit den Anwohnenden rund um den Aabach, die ihm bei seiner Recherchearbeit ihre Wohnungen öffneten. Viele haben durch ihre Arbeit oder Kindheit einen direkten Bezug zur lokalen Industriekultur und liessen ihn an ihren Geschichten teilhaben. Obwohl Rudolf nicht mehr in Lenzburg lebt, hat er die Menschen nicht vergessen. Auf unserem Rundgang wird er herzlich gegrüsst und kann zu fast jeder Person eine spannende Geschichte erzählen. Eine ähnliche Herangehensweise empfiehlt er allen, die selbst so ein Projekt auf die Beine stellen wollen: «Geht vor Ort, hört euch um, klingelt mal an einer Tür; anstatt einfach im Büro zu hocken und vor euch hinzuentwickeln.»



Die App vermittelt mittels Augmented Reality Industriegeschichte an den originalen Schauplätzen. Quelle: webschiff.ch



Die interaktiven Posten laden zum spielerischen Entdecken der Industriekultur rund um den Aabach ein. Foto: Racandra Wita

«Das Vermittlungspotenzial von Augmented Reality ist noch lange nicht ausgeschöpft.»


Die Industriekultur fasziniert Rudolf, weil sie bis heute nachwirkt. Im Gespräch wird schnell klar, dass für ihn im Zentrum von Geschichte immer Menschen stehen. Seine Philosophie kommt in seinem Lieblingsrundgang, der Gastarbeiter-Tour, am besten zum Ausdruck: Die Tour startet mit der Geschichte einer Frau, die seine Nachbarin war. Rudolf schätzt an diesem Thema, dass die Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart besonders stark ist: «Viele Kinder aus dieser Zeit sind heute Teil unserer Gesellschaft, mussten aber in schwierigen Verhältnissen aufwachsen.» Die Tour erzählt so auch die Geschichte von sogenannten «Schrank-Kindern», die tagein, tagaus in den eigenen vier Wänden versteckt werden mussten, weil die Eltern nur für sich selbst eine Aufenthaltsbewilligung erhalten hatten. 

Immersion durch ein Erlebnis vor Ort

Rudolf war von Anfang an wichtig, dass die Rundgänge kein rein virtuelles Erlebnis werden. Die App funktioniert deshalb nur, wenn Nutzer:innen am Aabach mit ihr interagieren: «Ein Erlebnis vor Ort verstärkt den Tiefgang. Und Immersion ist mir bei Kulturvermittlung das wichtigste Anliegen.» Für ihn spielt es dabei keine Rolle, wie intensiv sich jemand mit den Inhalten beschäftigt: «Für mich ist wichtig, dass man sich auf die Erfahrung einlässt. Auch wenn jemand sich nur 10 Sekunden mit der App beschäftigt – die Person hat den Schauplatz gese-hen und nimmt etwas Spannendes mit.» Er ist davon überzeugt, dass sich die Investition in Apps und Augmented Reality für die Kulturvermittlung lohnt: «Das Vermittlungspotenzial von Augmented Reality ist noch lange nicht ausgeschöpft. Es ist noch so viel mehr möglich!» Rudolf träumt von einer App, welche die Geschichte der ganzen Schweiz mittels Augmented Reality zum Leben erweckt: «Stell dir vor, du sitzt im Zug und fährst durch die Schweiz. Überall gibt es so viel Geschichte. Du wählst ein Jahr aus und die App zeigt dir, was auf deiner Strecke damals gerade passiert ist.» Ein Riesenprojekt – Fabio Rudolf ist es zuzutrauen.


Jil Rietmann studiert seit 2020 Kommunikation an der ZHAW und interessiert sich vor allem für die Organisationskommunikation. Aufgewachsen ist sie in der Ostschweizer Stadt Rorschach, in der es von Industriekultur nur so wimmelt. Sie erinnert sich sehr gut an den Geruch von Molke, wenn sie auf dem Schulweg jeweils an der Fuchs-Fabrik vorbeigelaufen ist.

Sophia Mratinkovic studiert seit 2020 Kommunikation an der ZHAW mit der Vertiefung Organisationskommunikation. In Schaffhausen begegnet sie vielen Artefakten der Industriekultur. Auch im Ausgang blickt sie gerne auf die Überbleibsel der Industriekultur, etwa in der ehemaligen Kammgarnspinnerei, die zum Kulturhotspot umgewandelt wurde.

Dominique Peter studiert seit 2020 Kommunikation mit Schwerpunkt Organisationskommunikation an der ZHAW. Als Winterthurerin ist sie täglich von Industriekultur umgeben und schlendert in ihrer Freizeit gerne durch das Sulzer-Areal, um die industriellen Bauten zu bewundern und die einzigartige Atmosphäre zu geniessen.

Das Portrait entstand 2023 im Rahmen einer Kooperation von Industriekultur Spot mit dem IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.