Martin Kluge – «Hier kann man erleben, dass Geschichte riecht»



Text & Bilder von Yessin Ben Brahim und Jannis Hafner    



Martin Kluge ist Leiter der Vermittlung und Wissenschaft in der Papiermühle Basel. Mit Leidenschaft teilt er die Geschichte und Bedeutung des traditionsreichen Handwerks des Papiers mit den Besuchenden. Seine Fähigkeit, komplexe Inhalte verständlich und interessant für ein breites Publikum zu machen, schafft eine einzigartige Erfahrung. Martin Kluge hat einen Ort der Begegnung und des Austauschs geschaffen, der die Vielfalt der Menschen und ihre gemeinsame Verantwortung für das Kulturerbe hervorhebt.

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In der faszinierenden Welt des Papiers gibt es jemanden, der die Kunst des Vermittelns beherrscht und die Geschichte dieses Handwerks teilt. Martin Kluge ist Leiter Vermittlung und Wissenschaft der Papiermühle Basel und erzählt, was es in dieser Position braucht.



Martin Kluge erklärt seinen Werdegang und wie er bei der Papiermühle Basel gelandet ist.


Die Sonne scheint hell durch die alten Fenster der Papiermühle Basel und taucht den Besprechungsraum in ein warmes Licht. Der Raum ist erfüllt von dem sanften Geruch von altem Papier. Vor der Bücherwand sitzt Martin Kluge. Er ist ein Mann in seinen Vierzigern, mit braunem, zerzaustem Haar. Das hellbraune Ziegenbärtchen umrahmt sein markantes Gesicht. Nach seinem Studium der Musikwissenschaften und Kunstgeschichte an der kleinen Universität Regensburg zog es ihn in die Stadt am Rhein.

Fasziniert von der Musik und ihren Noten auf Papier, wandte er sich den alten Büchern und Schriften zu. Die Papiermühle Basel schien wie kein anderes Museum seine Interessen zu vereinen, und so begann er sein Praktikum. Hier fand er seine Berufung und ist bis heute geblieben. Unterdessen als Leiter Vermittlung und Wissenschaft.

Ein Haus für alle

Die Augen von Martin Kluge leuchten, wenn er über die Papiermühle spricht. Doch was diesen Ort für ihn besonders macht, sind nicht nur die antiken Papyrusrollen an den Wänden oder der Duft von frisch gepresstem Papier. Es ist die Vielfalt der Menschen, die in der Papiermühle anzutreffen sind. «Wir begrüssen hier Menschen mit Beeinträchtigungen, Fachleute, angehende Doktorandinnen, Milliardäre – alle kommen in dieses Haus und doch sind sie alle einfach nur Menschen», erklärt er begeistert. Diese breite Palette an Besuchern schätzt er ungemein. Die Neugierde in den Augen der unzähligen Gäste ist für Martin Kluge wie ein unerschöpflicher Treibstoff, der nie ausgeht.



Das alte Wasserrad zeigt, wie die alten Maschinen angetrieben werden.



Die Setzmaschine wird zur Herstellung des Schriftypensatzes verwendet.


Vor über 20 Jahren durfte Martin Kluge das erste Mal eine Ausstellung in der Papiermühle Basel planen und einrichten. Bald ist es wieder so weit, denn für 2025 ist eine neue Ausstellung geplant. Hier darf sich Martin Kluge erneut verwirklichen. «Eine once in a lifetime experience», wie er sagt, rückblickend auf seine Anfänge als Praktikant in der Papiermühle. Die Möglichkeit, seine Rolle und die Verantwortung als Vermittler in vollem Umfang wahrzunehmen, ist für ihn die grösste Erfüllung. Näher an die direkte Vermittlung von Kultur und Geschichte kommt man nicht.

Kulturerbe zum Anfassen

Die Papiermühle hat eine fesselnde Wirkung auf ihre Besuchenden. Man taucht in die Geschichte ein und kann sie wahrhaftig spüren und selbst erleben. Empfangen wird man von einem grossen Wasserrad, das die Mühle antreibt. Es tönt laut, monoton und trotzdem beruhigend. In der Werkstatt riecht es wohl gleich, wie noch zu Zeiten von Gutenberg und dem ersten Buchdruck. Wer die Papiermühle verlässt, der hat meistens einen dicken Umschlag unter dem Arm, mit selbst gemachtem Papier, Pergament – «und auf den Lippen ein Lächeln», meint Martin Kluge.

«Die Papiermühle Basel: Eine Oase der Haptik inmitten der digitalen Welt. Hier kann man selbst mit den alten Maschinen interagieren.»


Durch seine Vermittlungsarbeit wird aufgezeigt, wie wichtig es ist, Kulturerbe erlebbar und zugänglich für alle zu machen. Es kann nicht nur vieles über die lokale und nationale Geschichte gelernt werden, sondern auch das Verständnis für die gemeinsame Verantwortung wird gestärkt. Durch die Vermittlungsarbeit ermöglicht Martin Kluge den Besuchenden, ihre Geschichte genauer kennenzulernen und sich mit ihr zu identifizieren. Kulturerbe ist eben nicht nur ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, sondern hat auch in der Gegenwart seine Relevanz.



Der Maschinenraum der Papiermühle Basel: Das pulsierende Herz der traditionellen Papierherstellung.


Zwischen Know-how und Verständlichkeit

Die Papierherstellung ist eine komplexe Prozedur. Wer darüber erzählen möchte, braucht das nötige Know-how, doch wie macht man diese Inhalte eigentlich für ein so breites Publikum zugänglich? Auch für Martin Kluge ist die Vermittlung immer eine Gratwanderung. «Ich glaube, es ist eine grosse Kunst, einzelne Erzähl-Stränge rauszupicken und sie für die breite Masse begreiflich zu machen». Bei seinen Präsentationen geht er immer von seinem Zielpublikum aus und passt die Inhalte entsprechend an. Hier gibt es auch mal Situationen, die eine Herausforderung darstellen können. Kommt eine Drucktechnologin oder ein Drucktechnologe, so haben sie einen ganz anderen Zugang zum Wissen als ein kleiner Junge, der gerne wissen möchte, woher das Papier eigentlich kommt.

«Die Kunst des Vermittelns liegt darin, komplexe Inhalte für ein breites Publikum verständlich zu machen.»




Verteilt auf vier Stockwerken bietet das Museum eine Mischung aus Ausstellung und Produktionswerkstätten.


Martin Kluge sieht das Fortschreiten der Digitalisierung nicht als Bedrohung, sondern als «Wahnsinns-Chance». «Die Digitalisierung gibt uns neue Vermittlungsmöglichkeiten. Man kann hier Dinge auch anders machen, statt nur einen Text an die Wand zu kleben». Wer die Papiermühle besucht, kann selbst Hand anlegen. Es ist kein normales Museum, in dem die Besuchenden nur Zuschauer sind.

In der Papiermühle werden sie selbst zu Teilen der Ausstellung, indem sie mit den alten Maschinen interagieren. Punkten kann die Papiermühle durch ihre haptischen Dimensionen. Diese bewahrt sie vor den negativen Auswirkungen der Digitalisierung und ist somit eine ihrer grössten Stärken.

Ein Vermittler mit Leidenschaft und Menschenliebe

Martin Kluge hat es geschafft, seine Leidenschaft für die Papiermühle Basel in eine Berufung zu verwandeln, die weit über die Vermittlung von Wissen hinausgeht. Durch sein Engagement hat er einen Ort der Begegnung und des Austauschs geschaffen, der die Bedeutung des Kulturerbes für die Gesellschaft verdeutlicht. Auf die Frage, was eine gute Vermittlerin oder einen guten Vermittler ausmacht, antwortet er: «Hemmungslosigkeit». Laut Martin Kluge darf man auf keinen Fall von sich ausgehen. Das Wichtigste sei, sich auf sein Gegenüber einzulassen. «Ohne Menschenliebe geht nichts».


Yessin Ben Brahim, *1998, studiert Journalismus an der ZHAW und schliesst seinen Bachelor im Sommer 2023 ab. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer und begeisterter Geschichtenerzähler. Er schätzt die Magie des gesprochenen Wortes und die Kraft, die hinter einer gut erzählten Geschichte steht.

Jannis Hafner, *1995, studiert Kommunikation an der ZHAW und schliesst seinen Bachelor im Sommer 2023 ab. Dank seiner griechischen Grossmutter, der er bei der Oliven-Ernte hilft, kennt er aus erster Hand die Bedeutung handwerklicher Verarbeitung von Produkten, die ohne den Einsatz industrieller Maschinen auskommt.

Das Portrait entstand 2023 im Rahmen einer Kooperation von Industriekultur Spot mit dem IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.