Philipp Abegg – «Wenn man so etwas startet, dann sagen die Leute zu Beginn: ‹Spinnsch?›»



Text & Bilder von Riana Engeli und Laura Rotach    



Die Ballyana-Stiftung ist Besitzerin einer der ältesten Sulzer-Dampfmaschinen der Welt. Im Jahre 1862 hat sie der Gründer und damalige Chef der Schuhfabrik Bally, Carl Franz Bally, installiert. Aufgrund der zu schwachen Leistung wurde sie kurze Zeit später ersetzt und vor dem Fabrikgebäude als Monument aufgestellt. Dadurch war sie Wind und Wetter ausgesetzt und in einem schlechten Zustand. Durch ein Projekt, initiiert von Philipp Abegg, wurde die Maschine zeitaufwendig restauriert, in die Ballyana-Ausstellung transportiert und dort direkt am Eingang würdig inszeniert.

Die Geschichte der Schuhfabrik Bally soll nicht vergessen werden. Deshalb gründete der Bally-Nachkomme Philipp Abegg einen Verein, sammelt Artefakte und sucht Möglichkeiten für die laufende und zukünftige Finanzierung.



«Ich fühle mich gegenüber meinen Vorfahren nicht zur Archivierung der Gegenstände verpflichtet, sondern mache es aus tiefem Herzen und Leidenschaft», begründet Philipp Abegg sein Engagement. Foto: Laura Rotach

Philipp Abegg steht im Archiv, dem Herzstück der Ballyana-Sammlung. Sein Blick richtet sich auf den schwarzen Herrenschuh in seinen Händen. «Ein Bally Scribe», sagt er und streicht über die Inschrift der Schuhsohle, «das war die Luxuslinie von Bally.» Vorsichtig legt er ihn wieder in die Schublade eines gut gefüllten Schranks. Neben unzähligen Schuhen besteht das Archiv auch aus Familiennachlässen und anderen Objekten, die in Verbindung mit der Schuhfabrik stehen. Eine riesige Sammlung, die durch Abeggs Idee und Objektspenden von Privatpersonen entstanden ist und vorerst im Keller der Ausstellungsräume vor den Augen der Besuchenden verborgen bleibt.



Dieser Herrenschuh gehörte zu der Luxuslinie «Bally Scribe». Heute kostet ein solches Paar rund tausend Schweizer Franken. Foto: Laura Rotach

Alles begann 1999. Die damals 148-jährige Schuhfabrik im Solothurnischen Schönenwerd rutschte allmählich in eine Krise. Damals hatte die Familie von Philipp Abegg kaum noch Kontakt zum Unternehmen, das einst Abeggs Urururgrossvater gegründet hatte. Abegg selber war für ein Jura-Studium nach Bern gezogen, wo er nach seinem Abschluss auch blieb. Durch diese emotionale wie auch räumliche Distanz bemerkte er nicht, was vor sich ging. Von der Schliessung der Fabrik in Schönenwerd erfuhr Abegg durch die Medien. Danach begann der Kulturbegeisterte, sich über die Fabrik seiner Vorfahren zu informieren, und beschloss, eine Stiftung zur Erhaltung des Industriekulturerbes zu gründen.

Gründung der Ballyana-Stiftung

Vor 23 Jahren hat Philipp Abegg gemeinsam mit vier weiteren Mitgliedern der Ballyfamilie die Stiftung Ballyana gegründet. Mit dem Ziel: Artefakte aus der Zeit der Schuhfabrik zu sammeln und in einer Ausstellung zu zeigen. «Wenn man so etwas startet, dann sagen die Leute zu Beginn: ‹Spinnsch?›».Trotzdem liess sich Abegg nicht davon abbringen und übernahm die Aufgabe des Stiftungspräsidenten, die er heute noch innehat. Rund einen Tag pro Woche investiert er in die Industriekulturvermittlung. «Andere spielen Golf oder haben ein Segelflugzeug. Ich jedoch investiere viel Zeit in die Ausstellung», sagt er und lächelt.

«Es ist untertrieben, diese Ausstellung als Hobby zu bezeichnen. Vielmehr ist es eine Leidenschaft.»


Diese Passion zeigt sich unter anderem an den detailreichen Anekdoten, die er zu jedem Gegenstand der Ausstellung zu erzählen weiss. Erfahren habe er diese Geschichten in privaten Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitenden der Schuhfabrik – ein grosser Zeitaufwand, der sich jedoch gelohnt habe. So könne er neben seiner eigenen Perspektive auf die Bally-Firmengeschichte noch weitere zum Ausdruck bringen und die ehemaligen Mitarbeitenden teilhaben lassen.

Neues Leben in alter Fabrikhalle

Die Ausstellung befindet sich in einem lichtdurchfluteten Raum mit hohen Decken – einer alten Bally-Fabrikhalle in Schönenwerd. Noch heute hat der 58-Jährige beim Betreten den Duft von Leder in der Nase. Das komme von den Erinnerungen an die Kindheit, als er seinen Grossvater in die Fabrik begleitet habe. Heute füllen weder der Lederduft noch Mitarbeitende die Fabrikhalle. Ihren Platz haben Informationstafeln und Anschauungsobjekte der damaligen Zeit eingenommen. So soll die Geschichte von Bally in erster Linie archiviert und in zweiter Linie der Bevölkerung vermittelt werden. Die Geschichte einer Fabrik, die damals für den Ort Schönenwerd eine grosse Bedeutung hatte und viele Arbeitsplätze schuf.



Die Sohlen-Durchnähmaschine wurde 1870 in den USA erfunden und vermochte erstmals den Schaft maschinell an die Sohle zu nähen. Ein Arbeiter konnte damit etwa 100-mal produktiver arbeiten als von Hand. Foto: Laura Rotach



In der Ballyana-Ausstellung gibt es kaum Vitrinen, weshalb Besuchende alle Gegenstände anfassen können. Gestohlen wurde seit der Eröffnung trotzdem noch nichts. Foto: Riana Engeli


Und gleichzeitig die Geschichte einer Fabrik, die bei der lokalen Bevölkerung aufgrund des Verkaufs 1999 und der damit verbundenen Entlassungen negative Gefühle hervorruft. Deshalb sei die lokale Bevölkerung auch mehrheitlich uninteressiert und keine Referenzgrösse, weshalb es gleichgültig sei, ob sich die Ausstellung in Zürich, Bern oder eben Schönenwerd befinde. «Hauptsache, die Artefakte werden vor der Mulde gerettet!» Die Sammlung sei nämlich insofern hochbedeutend, als sie der Geschwisterteil des schriftlichen Firmenarchivs von der noch heute bestehenden Schuhfirma Bally ist. Zusammengenommen wären die beiden Archive eines der grössten wirtschafts- und industriehistorischen Konvolute der Schweiz. «Diese Vollständigkeit, Dichte und auch Ästhetik der Sammlung: Das gibt es sonst nirgends», sagt Philipp Abegg. Deshalb habe er schon mehrmals versucht, das Bally-Archiv nach Schönenwerd zu holen. Die Diskussionen endeten jedoch immer im Streit, weshalb das Ziel der grossen Archivsammlung bis heute nicht erreicht ist.

Unsicherheiten prägen Zukunft

Neben dieser Ungewissheit, ob die beiden Archive zusammengeführt werden können, gibt es noch eine zweite Herausforderung: die laufende Finanzierung der Ausstellung. «Die Vorstellung, dass man aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel zumachen muss, ist belastend», sagt Abegg. Obwohl die Ausstellung Industriekulturvermittlung betreibe, bekomme sie keinen Rappen vom Bund. Eine Angelegenheit, die ihn wütend macht – spürbar an seiner lauter gewordenen Stimme. Der Kanton Solothurn hingegen unterstützt die Ballyana-Stiftung mit projektbezogenem Geld aus dem Lotteriefonds. Trotzdem seien die laufenden Kosten nur schwer zu decken. Deswegen sagt Philipp Abegg oftmals: «Bis hierhin und nicht weiter», wie beispielsweise bei der Integration von neuen Technologien. Dazu vertritt er eine dezidierte Meinung. Die bestehende Ausstellung sei ein Provisorium und solle bis die beiden Archive zusammengeführt werden auch eines bleiben. Sobald die Zusammenführung geschafft sei, wolle er dann jedoch eine «grosse Kiste» daraus machen. Neben der momentanen ersten Priorität der Konservierung der Archivbestände will er dann auch die Vermittlung der Industriekultur mehr ins Zentrum stellen.


Laura Rotach, *1999, studiert Kommunikation im 6. Semester an der ZHAW. In ihrer Freizeit besucht die angehende Journalistin gerne Konzerte oder andere kulturelle Anlässe im Eisenwerk in Frauenfeld. In diesen Fabrikgebäuden wurden früher Schrauben produziert, weshalb die Gebäude zu den Industriekulturgütern des Thurgaus gehören.

Riana Engeli, *2001, studiert Kommunikation an der ZHAW in Winterthur mit der Vertiefung Journalismus. Aufgewachsen in Bussnang liebte sie es, als Kind unter den Bögen des kulturhistorischen SBB-Eisenbahnviadukts zu stehen und dem Widerhall ihrer laut ausgesprochenen Worte zu lauschen. So kam sie bereits in ihrer Kindheit spielerisch mit Industriekulturerbe in Kontakt.

Das Portrait entstand 2023 im Rahmen einer Kooperation von Industriekultur Spot mit dem IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.