René Tanner  – «In Balgach hat jeder einen Bezug zur Handstickerei» 



Text & Bilder: Ira-Mareike Bohne und Stefanie Häfele

Im gesamten Bodenseeraum breitete sich die Textilindustrie ab den 1880er-Jahren rasant aus: St. Gallen als Textilhochburg sandte Aufträge an Fabriken und Heimarbeiter im Umland. So auch in das Dorf Balgach im Rheintal, wo zu Spitzenzeiten rund 190 Handstickmaschinen standen. Dank diesen Maschinen konnten grössere Aufträge in kürzerer Zeit ausgeführt werden. Später wurden sie von den sogenannten «Schiffli-Maschinen» abgelöst, die heute noch – wenn auch stark modernisiert – im Einsatz sind. Dies meist in asiatischen Ländern.

René Tanner ist Leiter des Handsticklokals in Balgach. Regelmässig führt er Interessierte durch das beschauliche Dörfchen im Rheintal, weist auf unscheinbare bauliche Zeitzeugen der Textilbranche hin und erweckt die Kunst der Handstickerei wieder zum Leben.



René Tanner vor dem Handsticklokal in Balgach.

Den Blick konzentriert auf die gezeichnete Vorlage gerichtet, bringt René Tanner das Rad der über 100-jährigen Stickmaschine in Bewegung. Er verschiebt den Rahmen so, dass die Nadeln den Stoff an der richtigen Stelle durchstechen. «Ich bewege dabei den Stoff. Die Nadel bleibt immer an der gleichen Position», erklärt Tanner. Sein Blick schweift kurz zum Stoff und den Fäden – Kontrolle, ob alles noch stimmt – und dann zurück zur Vorlage. Er stickt aktuell ein Blumenmuster, für das er einen goldgelben Faden in die Maschine eingespannt hat. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Anstechen ertönt das regelmässige Klackern der Maschine. Während dem Sticken wird nicht viel geredet. Tanner arbeitet hoch konzentriert an seinem Sujet.

René Tanner, 55 Jahre alt, verbrachte sein ganzes Leben in «Balga», wie die Einheimischen das Dörfchen nennen. Der gelernte Mechaniker arbeitete einige Jahre lang bei der Firma Jacob Rohner und lernte dort, Sockenstrickautomaten zu bedienen und zu reparieren. Danach stieg er in das Sockengeschäft seines Vaters ein und übernahm dieses 2003. Doch Tanner ist nicht nur hauptberuflich in der Textilindustrie tätig, sondern gibt als Leiter des Handsticklokals auch sein Wissen zum alten Handwerk an Interessierte weiter. Schon früh nahm er wahr, dass die Textilindustrie eine besondere Bedeutung für das Rheintaler Dorf hat: «In Balgach hat jeder einen Bezug zur Handstickerei.» Zur Fasnachtszeit wurde das für die Kinder besonders deutlich: Die grossen Textilfabriken hatten sogenannte «Puntscherli». Das sind rund ausgestanzte Überreste der Lochkarten, die bei neueren Stickmaschinen verwendet werden. Anstatt Konfetti habe man diese herumgeworfen.


Herz des Stickereidorfes

Während dem Spaziergang durch Balgach zeigt Tanner immer wieder auf verschiedene Zeitzeugen der Stickerei-Industrie: Ein Gartenzaun, der aus Material einer alten Handstickmaschine hergestellt wurde, grosse Fenster in den Erdgeschossen vieler Häuser, damit möglichst viel Licht in die Arbeitsstuben hereindringen konnte, und Gebäude, die früher als Textilfabriken dienten. Im alten Teil von Balgach zeigt er voller Stolz das Rathaus mit dem Herz des Stickereidorfes – dem Handsticklokal.



Die Wundermaschine, wie Tanner sie nennt, fädelt die Nadeln blitzschnell ein. Früher war das eine Arbeit, die Kinder mit ihren zarten Händen machen mussten.



Die vorbereiteten Fäden werden durchgebürstet, damit sie sich später besser in die Stickmaschine einsetzen lassen.

Tanner öffnet die hölzerne Doppeltür zum Lokal und steht sogleich vor der Handstickmaschine, die den kleinen Raum fast komplett ausfüllt. Sie ist nicht nur ein Stück aus einer anderen Zeit, sondern zeugt auch von einem Entwicklungsschritt der Textilbranche. Einst stickten die Frauen von Hand in kleinen Stickrahmen. Die Arbeit war beschwerlich und langwierig. Mit der Erfindung der Handstickmaschine beschleunigte sich dieser Prozess. So kam es dazu, dass viele Balgacher hauptberuflich stickten – oft in Heimarbeit. «Das war Familienarbeit», wie René Tanner weiss, «jeder hatte seine Aufgabe. Der Vater stickte, die Mutter war zuständig für die Kontrolle und die Kinder fädelten die Nadeln auf.»


Socken für den Vatikan

Die Entscheidung dafür, die Kultur der Handstickerei in Balgach weiter zu erhalten, fiel René Tanner leicht. Sein Vorgänger Ernst Nüesch – der Spurensucher von Balgach – brachte ihm bei, die Maschine zu bedienen. In seinem Balga’schen Dialekt erinnert er sich an die Lektionen: Die «Technik aloa» habe er an einem Morgen gelernt, aber «erst mit dem Arbeiten kommen die Nuancen. Nur weil ich ein Instrument spielen kann, heisst das noch nicht, dass ich Musik mache.» Das Handwerk sei keine körperlich schwierige Arbeit, erfordere aber viel Konzentration. Während Tanner über die Textilindustrie philosophiert, raucht er gemütlich eine Zigarette. Mit seiner rechten Hand untermalt er seine Gedanken.

Tanners Interesse an der Textilindustrie kommt nicht von ungefähr: Sein Vater war als Sockenfabrikant tätig. Und sein Urgrossvater war einer dieser Handsticker, von denen Tanner heute erzählt. Nebenbei betrieb er, wie viele andere im Dorf, eine Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Heute kann Tanner von der Textilbranche allein leben. Die Socken, die er in kleiner Stückzahl herstellt, sind Unikate. Dabei vertraut er auf die neuste Technologie, ganz im Gegensatz zur manuellen Handstickerei. Ausserdem werden Socken gestrickt und nicht gestickt – dieser Unterschied ist Tanner wichtig. Sogar der Vatikan vertraut auf die Expertise des letzten Sockenfabrikanten der Schweiz: Die Schweizer Garde trägt Socken aus Balgach.


«Ich gebe Einblick in eine andere Zeit und damit auch in das damalige Leben.»





René Tanner beim Einsetzen der Nadeln in die Handstickmaschine, insgesamt sind es 52 Stück.


Spuren der Stickereizeit verschwinden

Die Tätigkeit als Wissens- und Kulturvermittler gefällt Tanner: «Ich gebe Einblick in eine andere Zeit und damit auch in das damalige Leben.» Die Spuren der Stickereizeit verschwinden in Balgach jedoch zunehmend. Alte Fabrikgebäude werden zu Wohnräumen umfunktioniert und Stickereihäuser abgerissen. Tanner nimmt dies jedoch gelassen, dem Neuen solle man sich nicht verschliessen. Die Handstickerei und das damit verbundene Wissen sollen aber trotzdem erhalten bleiben. So wird sich Tanner auch weiterhin dem Handsticklokal widmen und, selbst wenn die Zeit noch nicht drängt, sich um seine Nachfolge kümmern. Dies ist jedoch nicht so einfach, denn für René Tanner ist klar: «Lernen kann man alles, aber die Freude daran, etwas weiterzugeben, die muss einem gegeben sein.»


Das Portrait entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Ira-Mareike Bohne, *1998, studierte Kommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Ihr Interesse an Sprachen und dem kreativen Produzieren haben sie zum Bachelor-Studium geführt. Ihr Heimatort Flawil im Kanton St. Gallen erinnert noch heute an die damalige Stickereibranche. Die Industriekultur lag somit direkt vor ihrer Haustür.

Stefanie Häfele, *1996, studierte Kommunikation an der ZHAW. Die gelernte Papeteristin arbeitete zwischenzeitlich als Flugbegleiterin und hat mit dem Schreiben von Texten ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Sie wuchs in einem ehemaligen Stickereihaus im Kanton St. Gallen auf, wo sie schon früh mit den baulichen Eigenheiten der vergangenen Textilindustrie in Berührung kam.