Ronald Weisbrod – «Der Konsument hat nie gewusst, dass er Stoffe von uns trägt» 




Text & Bilder: Annina Baer und Cheyenne Wyss

Die ehemalige Seidenfabrik Weisbrod-Zürrer AG in Hausen am Albis ist heute ein 700 Quadratmeter grosser Stoffladen, der in sechster Generation geführt wird. Gegründet wurde das Familienunternehmen 1825 von Jakob Zürrer. Die Firma musste sich immer wieder anpassen. So diversifizierte sie sich in Damenhygiene und Windeln, die zeitweise 50 % des Umsatzes generierten. Beim 175-jährigen Bestehen arbeiteten 140 Angestellte im Betrieb. Bis 2012 wurde an Jacquard- und Schaftmaschinen gewoben. Vom Jahresumsatz von 2 Millionen Metern Stoff wurde die Hälfte in Hausen produziert.

Stoffe und Farbmuster bringen ihn ins Schwärmen. Ronald Weisbrod lebt für die Textil- und Seidenindustrie, in der er sich dank seinem kreativen Flair immer wieder neu erfunden hat. Sogar Michelle Obama belieferte er mit exklusiven Stoffen aus Hausen am Albis.



Alte Bilder und Zeitungsberichte zeugen von Entwicklungen des Familienunternehmens, die Ronald Weisbrod nahegehen.

Schritte ertönen auf dem Fabrikboden, auf dem einst mechanisierte Webstühle ratterten. Ronald Weisbrod (80), der das Familienunternehmen Weisbrod-Zürrer AG in der fünften Generation führte, kommt in schwarzen Lederschuhen mit Absatz um die Ecke des heutigen Stoffladens. Der Mann aus der Textilbranche trägt ein stilvolles Outfit: dunkle Manchesterhosen, einen schwarzen Pullover, darunter ein blau-weiss-gemustertes Hemd. Einen weiteren Farbtupfer verleiht der blau-grüne Seidenschal.


«Ich würde die TV-Moderatoren am liebsten selbst beraten.»



«Krawatten trage ich selbst fast keine mehr», gibt Weisbrod zu. Heute müsse Mode schliesslich bequem sein. Doch so ein «normaler Schal» mache viel aus. Gerade erst habe er dafür beim Einkaufen ein Kompliment erhalten. Er grinst über beide Backen. Genau das mache Stoffe so speziell, dass man einfach Freude an einem Kleidungsstück wie einem Foulard haben könne: «die Farbe, der Glanz und das Gefühl.» Auch den TV-Moderatoren empfiehlt er einen Schal, da sie sich seit der Abschaffung der Krawatte im luftleeren Raum befänden. «Ich würde sie am liebsten selbst beraten», schmunzelt er.

Faszinierten Blickes nimmt er einige Seidenstoffmuster aus dem Schrank. Diese Faszination entwickelte sich über viele Jahre. Eigentlich hatte er Architektur studieren wollen, doch im Praktikum bei seinem Onkel hat es ihm den «Ärmel reingenommen». Da niemand anderes als Nachfolger in Frage kam, schaute die ganze Familie auf ihn: «Ich hatte vom ersten Tag an eine gewisse Stellung.» Hausen wurde damals zu seiner zweiten Heimat.

Geboren wurde Weisbrod in England. Erst im Alter von elf Jahren kam er in die Schweiz, ins Heimatland seines Vaters. Dieser war ausgewandert, um in England eine Niederlassung der Firma zu gründen. Die Zukunft von Ronald sahen die Eltern aber in der Schweiz. Ohne dass er ein Wort Deutsch sprach, schickten sie ihn in ein Internat in Flims.


«Wir haben das Design ins Verrückte getrieben»

Rund 30 Jahre später brachte er als Leiter frischen Wind in die Produktionsfirma. Bisher hatte die Firma in der Kleiderstoff-Abteilung grösstenteils Uni-Stoffe produziert. Nun entwarfen abteilungsübergreifend zehn Designer jährlich 1’000 neue Stoffmuster. «Wir haben das Design ins Verrückte getrieben», erinnert sich Weisbrod.



Trotz allen Widrigkeiten, welche die Textil- und Seidenbranche mit sich brachte, funkeln Weisbrods Augen noch heute, wenn er mit schönen Stoffen in Kontakt kommt.



Die Entwicklung neuer Kollektionen bereitete dem heute 80-Jährigen jahrelang Freude: «Es war wahnsinnig schön, mit Farben und mit Seide zu arbeiten.»

Bereut hat er den Schritt ins bunte Textilleben nie, obschon ihn die Branche forderte: «Der wirtschaftliche Druck war grauenhaft.» Grosse Erfolge wie beispielsweise mit der «wahnsinnig schönen» Krawatten-Kollektion waren nur von kurzer Dauer. Es gab immer wieder radikale Veränderungen, auf die er reagieren musste. Dabei verliess er sich aufs «Management aus dem Bauch heraus».

Etwas wurde ihm dabei früh klar: «Wir haben keine Erfindungen, die man patentieren kann. Denn das Weben an sich ist eigentlich nichts Schwieriges.» Die Arbeit erfordert raffinierte Maschinen und die Kunst, Garne und Farben zu kombinieren. Trotz neuer Designideen sei es nicht so wie bei einer patentierten technischen Erfindung. Sobald sie ein Design auf den Markt brachten, wurden sie kopiert oder die Auftragsmengen deckten die hohen Entwicklungskosten nicht.

Als Geschäftsmann reiste Weisbrod viel und suchte fieberhaft nach Geschäftsideen. Neue Webarten, neue Farben – alles wurde probiert. Über die Zeit hinweg ermöglichten die technisch vielfältigeren Maschinen mehr. Weisbrod kannte sich damit aus. In der Firma konnte er stets alle Produktions-schritte selbst ausführen.


«Das war unser Schicksal»

Mit seiner eigenen Marke «e-motions» wagte er 1992 einen anderen Ansatz: Neu liess er Stoffe in Indien von Hand sticken. Schweizer Präzision war deshalb nicht garantiert. Dafür taten sich neue Möglichkeiten auf: «Es hat so Chrälleli und Paillettli und Zeug und Sachen – wunderbar!» Die Marke war eine Ergänzung zu den hochwertigen Seidenstoffen, mit der «extravagante Webkreationen» verkauft wurden.

Zu den Abnehmern der edlen Stoffe aus Hausen gehörten namhafte Modehäuser wie Hugo Boss, Tommy Hilfiger oder Chanel. Sogar Michelle Obama trug Kleider aus Weisbrods Stoffen. Doch berühmt war die Firma bei den Endverbrauchern nicht. «Der Konsument hat nie gewusst, dass er Stoffe von uns trägt», räumt er ein, «das war unser Schicksal.» Wer Mitglied in einem Verein mit Fahne ist, stand wohl auch schon unwissentlich mit der Seidenfabrik in Kontakt. Denn fast jede Vereinsfahne in der Schweiz wurde aus Weisbrod-Stoffen hergestellt – eine weitere Spezialität, die zur Rarität wurde.

Noch heute kann man in Hausen Seidenstoffe, Baumwollstoffe oder Stickereien kaufen. Sie werden aber nicht mehr nur in der Schweiz, sondern auch von Partnerfirmen rund um den Globus produziert. Auf dem ehemaligen Firmenareal befinden sich neben dem Stoffladen Gewerbebetriebe, eine Privatschule und eine Druckerei. Ein Mix, der lebt. An jeder Ecke weiss Weisbrod Details zu erzählen. Heute ist er noch im Verwaltungsrat tätig, die Geschäftsleitung übergab er 2006 seinem Sohn und dessen Frau.

Damit konnte er sich gut abfinden. Schwerer fiel ihm der «zweite Abschied», als sie 2012 die letzten Webmaschinen abschalten mussten. Ein paar Jahre zuvor hatte die Firma noch elf Millionen Franken in neue Maschinen und Gebäude investiert. Aber 2008 brach mit der Finanzkrise die Nachfrage ein. «Wir dachten, die grossen Dekor-Kunden kämen schon wieder», sagt er. Doch sie kehrten nicht zurück. «Eine bittere Zeit», meint Weisbrod und beisst sich auf die Lippen.

Der Zauber der Textilbranche scheint den 80-Jährigen kurz verlassen zu haben. Gefasst fügt er an: «Wir haben lange durchgehalten, weil wir immer etwas gefunden haben, das ging.» Weisbrod bräuchte seine Triebkraft nicht zu betonen, so offensichtlich ist sie: «Stoffe faszinieren mich einfach sehr.»


Cheyenne Wyss, *1997, studiert Kommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur, absolvierte vorher eine KV-Lehre auf der Gemeinde in Hausen am Albis, wo sie auch aufgewachsen war. Früher stöberte sie mit ihrer Mutter im Stoffladen von Weisbrods nach Reststücken, um eine Tasche zu nähen. Heute wohnt sie in Zürich und arbeitet als freie Journalistin.

Annina Baer, *1998, wuchs in Hausen bei Brugg auf. Sie besuchte das Gymnasium in Aarau, bevor sie in einer Berner Online-Redaktion erste Erfahrungen in der Medienwelt sammelte. Neben dem Kommunikationsstudium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur engagiert sich die Slammerin für Theater- und Filmprojekte mit Jugendlichen.


Das Portrait entstand 2022 im Rahmen einer Kooperation von Industriekultur Spot mit dem IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.